Dinge & Geheimnisse. Teil 4: Unvergessen

Dies ist ein Beitrag zu den abc-Etüden von Christiane. Die Wortspende für die Schreibeinladung der Wochen 41/42 stammt diesmal von Werner Kastens mit seinem Blog Mit Worten Gedanken horten.


Was bisher geschah, lest ihr hier und hier und hier.

Dinge & Geheimnisse. Teil 4: Unvergessen

Wie sollte er ihr auch verständlich machen, dass er als Landvermesser manchmal einfach Prioritäten setzen musste?

Um als Erster die Koordinaten der Pan-Aquaterra zu präsentieren, war er damals zu allem bereit. Der Streckenverlauf im Wasser ließ sich nur berechnen, indem man ununterbrochen direkt über der Wasseroberfläche maß. Er hatte lange darüber gegrübelt, wie er das anstellen sollte. Schließlich kam ihm die zündende Idee.

Der Händler aus Marrakesch wurde leider ziemlich panisch, als es mit dem Flugteppich über den offenen Ozean ging. Ihm blieb daher nichts Anderes übrig, als den undankbaren Mann zum Weiterflug zu zwingen. Bei diesem körperlichen Gerangel „fiel“ er quasi ins Messer und leider auch ins Meer.

Es gelang dem Landvermesser, den Teppich trotz dessen Widerstand direkt über der Wasseroberfläche zu fliegen und die gesamte Strecke aufzuzeichnen. Der Ruhm war ihm sicher, und er genoss ihn in vollen Zügen. Das Messer und den Teppich behielt er als Andenken; bis auf ihn selbst kannte niemand die Wahrheit seines Erfolgs.

Die Jahre vergingen. Irgendwann räumte er die Dinge in die Rumpelkammer und vergaß sie.

Aber Dinge haben ein Gedächtnis. Sogar ein sehr gutes.

Als sich die Rumpelkammer leerte, stand nur noch der Teppich in der hintersten Ecke.

Der Mann rollte ihn aus, öffnete den Glaskasten mit dem blutigen Messer und setzte sich auf den Boden. Langsam und unauffällig schob sich der Teppich unter ihn.

Lautlos schwebte er dann zur geöffneten Rumpelkammertür. Der Mann starrte noch immer lächelnd auf das Messer.

„Hey, wie machst du das? Das ist doch ein Trick!“ hörte er seine Freundin rufen, doch es war zu spät.

Der Teppich beschleunigte und flog mit ihm zum Fenster hinaus, das wegen der Hitze weit offenstand.

Er flog weiter und weiter, höher und höher. Angstvoll schaute der Mann nach unten. Er fühlte, wie sein Herz aussetzte.

Foto: Pixabay, bearbeitet von Christiane

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