Die letzte Saison / abc-etüden 4/5/2020

Ein Beitrag für die abc-etüden bei Christiane; die Wortspende stammt diesmal von OnlyBatsCanHang

Trist war es, und kalt. Stetig und unbeirrbar plätscherte der Regen auf das Dach; sein unaufhörliches Tropfenstakkato verstärkte die Stille des menschenleeren Platzes, so schien es ihm in seinem Raum, dessen einst spiegelnde Metallwände mittlerweile matt und fleckig waren.

Es war die letzte Stadt und seine letzte Saison. Was danach kam, wusste er nicht.

Die guten Tage waren vorbei. Er war nur noch ein Abklatsch dessen, was er früher war. Besser gesagt, was er vorgegeben hatte, zu sein.

Einst drängelten sich die Menschen darum, ihn zu bestaunen. Bei seinem Anblick ging ein vielstimmiges Raunen durch die Menge, angstvoll und ehrfürchtig zugleich, in das sich die Schreie derer mischten, die sich wirklich fürchteten.

Heute standen hier an guten Tagen einige kleine Kinder, die vorsichtshalber die Hand ihres Vaters oder ihrer Mutter ergriffen. Doch nicht einmal dieses Publikum ließ sich noch beeindrucken.

Wie denn auch? Wichen früher die Zuschauer zurück, wenn sie das furchterregende Brüllen hörten, so begannen sie heute sogar zu kichern. Aus dem beängstigenden Gebrüll war ein altersschwaches geworden, asthmatisch pfeifende Geräusche eines undichten Blasebalgs, der seine Stimme in einer fernen Vergangenheit so donnernd verstärkt hatte.

Und sein Körper? Das Muster des Fells war verblasst, hier und da hatten sich sogar Löcher gebildet. Seine Augen hatten den feurigen Glanz verloren, stumpf und starr schauten sie blicklos in den Raum.

Doch diese Dinge waren für ihn belanglos. Wichtiger war es, was die Zukunft brachte.

Wie würde es weitergehen?

„Was machen wir mit Ihm?“, fragte der alte Mann seine Frau. „Sollen wir ihn behalten? Als Erinnerung?“

„Ach ja“, erwiderte sie. „Er hat uns lange Jahre treue Dienste geleistet. Außerdem hänge ich doch ein bisschen an ihm.“

Der Mann wandte sich um und tippte dem vorbeilaufenden Monteur auf die Schulter.

„Den Papiertiger bitte vorsichtig herausnehmen. Den Rest könnt ihr zur Müllkippe bringen.“

– 299 Wörter –

5 Kommentare

  1. Ach, das ist schön. Bisschen traurig und sentimental, dafür mit einem versöhnlichen Ausgang. Die Dienste des Papiertigers wurden geschätzt, auch noch, nachdem er mit ihnen in Würde gealtert ist, und sie geben ihm eine Zukunft bei ihnen – irgendeine, nicht auf der Müllkippe. Schließlich hängt sie ein bisschen an ihm. So soll das sein.
    Gefällt mir sehr.
    Liebe Grüße
    Christiane 😀

    Gefällt 1 Person

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