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Töne und anderer Wahnsinn

Als Alter Ego mir die Diagnose mitteilte, war ich geschockt. Sprachlos.

Mein Inneres Ich hatte, ohne mich ins Vertrauen zu ziehen, ein Selbstdiagnoseprogramm gestartet. Aus gegebenem Anlass – zu dem ich noch kommen werde – hatte es sich entschlossen, sämtliche Register zu ziehen, um den mysteriösen Unerträglichkeiten, an denen ich sporadisch/von Zeit zu Zeit/ab und an/ manchmal/regelmäßig/häufig/immer litt, auf den Grund zu gehen.

Das Ergebnis dieser Untersuchung klatschte es mir nun vor den Latz, obwohl ich es gar nicht hören wollte. Besser gesagt, Alter Ego telepathierte es mir gehirnintern. Jetzt geisterte die Schreckensnachricht in meinen Gehirnwindungen herum, wanderte vom Cortex zum Stamm und wieder zurück.

Es half alles nichts. Ich musste mich der Tatsache bzw. der Diagnose stellen: Ich litt an Launenbedingter Selektiver Pseudo-Misophonie.

„Bitte was?“ werden Sie fragen, ebenso wie ich mein Inner-Ich ungläubig angestarrt (wenn ich es denn sehen könnte) und gefragt habe.

Misophonie. Die Unfähigkeit, (bestimmte) normale Alltagsgeräusche zu ertragen. Also eine selektive Geräuschintoleranz. Puh. Das musste ich erst einmal verdauen.

„Das glaube ich nicht“, sagt ich spontan zu Alter Ego. „Du musst dich irren. Nur weil manchmal ein bisschen aggress…“

„Nicht ein bisschen aggressiv, du rastest aus“, unterbrach mich Alter Ego.

„Ja gut, vielleicht hätte ich anders reagieren müssen. Aber ich war halt wütend, und dann werde ich nun mal aggressiv“, sagte ich kleinlaut. Die Frau, die mir gerade entgegenkam, sah mich sehr, sehr merkwürdig an und beschleunigte dann ihre Schritte um ein Vielfaches. (Ich muss dazu sagen, dass ich gerade mit dem Hund um den Pudding lief, als mich Alter Ego mit der Diagnose konfrontierte. Alter Ego ist für andere nicht unbedingt sichtbar, daher denken die Menschen dann, dass ich Selbstgespräche führe. Tu ich aber nicht. Ich rede mit mein Alter Ego. Ich bin nicht verrückt, auch wenn ich immer noch um den Pudding laufe.)

„Vor ein paar Tagen hast du das Lied aber noch gut gefunden und sogar einen hüftewackelnden Tanz hingelegt. Da war dir das Radio vom Nachbarn nicht zu laut, im Gegenteil.“

Vielleicht sollte ich jetzt kurz den gegebenen Anlass erklären, den ich oben erwähnt habe.

Also gestern lief wieder dieses Lied im Radio. Nicht bei mir, sondern beim Nachbarn. Sie kennen das doch: Man sitzt relaxt im Garten (oder irgendwo anders), liest ein Buch (oder macht was anderes), und auf einmal hört man das Geräusch. Und es gibt, verdammt noch mal, Geräusche oder Töne, die einen wahnsinnig machen. Von denen man aggressiv wird. Das Zwitschern der Vögel, summende Insekten, Rasenmäher in Raketenlautstärke, Musik, redende Nachbarn, mein schnarchender Hund … ganz einfach Alltagsgeräusche, die andere überhaupt nicht stören. Mich aber schon. Ich bekomme einen dicken Hals, wenn ich diese Geräusche höre. Ich kann sie nicht ertragen. Das heißt, ich kann sie manchmal nicht ertragen. Also in bestimmten Situationen. Oder bei bestimmten Launen, bestimmtem Wetter, Lesen bestimmter Bücher …

Und genau das war bei diesem Lied der Fall. Ich konnte es nicht ertragen. Ich habe versucht, es auszublenden, doch das war ein sinnloses Unterfangen. Es ging nicht.

Normalerweise mag ich dieses Lied. Es hat einen guten Rhythmus, es bleibt im Ohr hängen, man singt und schwingt mit. Groovy. Normalerweise.

Vor ein paar Tagen zum Beispiel. Ein Lied mit starken Bässen, die aus dem Baustellenradio des Nachbarn zu mir durchdrangen. Es war heiß und ich im Garten am Wäsche aufhängen. Meine Füße machten sich selbstständig und begannen, im Takt zu wippen, während ich hipshakend Wäschestück für Wäschestück wie ein Lasso schwang, bevor ich es aufhängte. Dabei sang (beziehungsweise quakte) ich lauthals mit. Wie konnte man bei diesem Lied keine gute Laune haben! Selbst die Verkehrsdurchsage tat dem keinen Abbruch.

„Eben“, insistierte Alter Ego. „Es gefällt dir. Deshalb war deine Reaktion gestern auch vollkommen überzogen.“

„Sie war NICHT überzogen. Es hat mich einfach WAHNSINNIG gemacht. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren. Wie, bitte schön, soll ich jemals den Pilutzer-Preis erhalten, wenn ich dauernd von dieser grauenhaften Musik gestört werde? So kann man doch nicht arbeiten!!! Wieso stellt der seine Mucke aus dem Radio nicht einfach leise? Das kann doch eigentlich nicht so schwer sein, oder?“

„Also vor ein paar Tagen hast du rüber gebrüllt, dass er das Radio doch bitte etwas lauter stellen soll.“

„Ja und??! Hat er doch gemacht.“

„Ja, damit er deinen Gesang nicht hören musste.“

„Sei nicht so frech, sonst fängst du dir eine!“ fuhr ich mein Alter Ego an. Der Mann, der mich auf dem Fahrrad überholte, drehte sich zu mir um und starrte mich an. Dabei vollführte er einen Schlenker und kollidierte fast mit meinem Hund, der fröhlich schnuppernd von rechts nach links pendelte. Ich ignorierte ihn.

„Woher sollte er denn gestern wissen, dass du das Lied nicht hören willst, nachdem du ihn einige Tage vorher zum Lauterstellen aufgefordert hast? Außerdem hast du ihm doch überhaupt nicht gesagt, dass dich die Musik stört.“

„Meine Güte“ sagte ich genervt. „Man kann doch wohl erwarten, dass die Nachbarn wissen, dass ich schreibe und absolute Ruhe benötige, wenn ich auf der Terrasse meinen Einreichungsbeitrag für den Pilutzer-Preis erstelle. Die blöde Amsel war ja schon äußerst nervtötend mit ihrem Gezwitscher. Und dazu dieses Dauerrascheln von den Blättern am Baum! Das allein ist schon zum an-die-Decke-gehen. Ist doch wohl verständlich, dass ich dann irgendwann die Faxen dick habe. Und dann noch diese Musik, also das geht echt nicht.“ Ich blieb stehen und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Aber meinst du nicht, dass du etwas überreagiert hast? Du hättest ja auch ganz einfach fragen können, ob er das Radio leiser stellt oder ganz ausmacht, anstatt sofort den Ziegelstein drauf zu werfen. Außerdem hättest du dich zum Schreiben vielleicht auch ins Esszimmer setzen können.“

„Wieso das denn? Ich kann doch solange auf der Terrasse schreiben, wie ich will!“ Stirnrunzeln meinerseits. „Auf wessen Seite stehst du eigentlich?“

„Was hat das denn mit auf einer Seite stehen zu tun?“ verteidigte sich Alter Ego. „Ich stelle nur unparteiisch fest.“

„Ach, und ganz unparteiisch stellst du dann auch fest, dass ich an Launenbedingter Selektiver Pseudo-Dingsbums leide?“

„Pseudo-Misophonie. Du bildest dir ein, bestimmte Geräusche nicht ertragen zu können.“

„Ich bilde es mir nicht ein“ persistierte ich. „Ich kann diese Geräusche nicht ertragen. Also zumindest manchmal nicht.“

„Eben. Daher Pseudo. Und weil es bei dir nach Lust und Laune geht, launenbedingt. Und weil es mal das eine, mal das andere Geräusch ist, selektiv.“

Aha. Und das hast du mal eben so festgestellt. Waberst in meinem Gehirn rum, lässt Selbstdiagnoseprogramme laufen und kommst dann ganz altklug mit dieser Diagnose.“ Ich lief im Stechschritt weiter, den erstaunt schauenden Hund hinter mir her ziehend.

„Ich habe nur die Tatsachen auf den Punkt gebracht, sie beurteilt und dieses Ergebnis dann in Worte gefasst. Ganz ohne Schnickschnack.“ Alter Ego klang wie Mister Spock. Emotionslos, rational.

Meine Ratio dagegen ging langsam den Bach runter. Ich blieb abrupt stehen, Hund knallte schnüffelnd gegen mich.

„Du hast doch einen an der Klatsche, Alter Ego. Du spinnst total. Ich. Habe. Keinen. Pseudo-Mist. Ich bin vollkommen normal, mich stört nur diese Musik. Manchmal. Und das Bäumerascheln … und die blöden Vögel. Manchmal.“ Ich schaute mich hastig um, denn meine Stimme hatte sich nun doch ungebührlich über die normale Lautstärke erhoben. Hund saß brav neben mir und stupste mich an, beschwichtigend schwanzwedelnd. Diese Tonlage war normalerweise für seine Standpauken reserviert, der Arme dachte wahrscheinlich, dass er etwas ausgefressen hatte. Ich ging in die Hocke und streichelte ihm über den Kopf. Beruhigt lief er weiter und zog diesmal mich hinterher.

„Das hat doch nichts mit nicht normal sein zu tun. Du bist halt …“

„Was bin ich halt?“ fuhr ich mein Inner-Ich an.

„Na ja, vielleicht etwas zickenlaunig? Überempfindlich? Ich hab’s: sensibel“ sagte Alter Ego eilig. Mein Mienenspiel (sowohl äußer- als auch innerlich) bei den ersten zwei Begriffen war ihm nicht entgangen. Bei sensibel hellte sich meine Miene und Stimmung schlagartig auf.

Genau! Ich bin einfach sensibel. Warum bin ich nicht selbst darauf gekommen?

Alter Ego verkniff sich ein Grinsen, was mir natürlich nicht entging.

„Was?!“ fragte ich scharf.

„Es sind meistens sensible Menschen, die an Misophonie leiden.“

„Und nur, weil ich sensibel bin, leide ich darunter?“

„Das habe ich doch gar nicht gesagt. Es ist eine gewisse … Übersensibilität bei dir vorhanden.“

Alter Ego hatte recht! So verdammt recht. Ich reagiere manchmal einfach übersensibel auf manche Geräusche. Oder auf Kritik. Wenn ich schlechte Laune habe, beispielsweise. Oder am Lesen bin. Oder am Essen. Oder einfach nur so.

Und ich kenne auch den Grund. Ich bin nämlich ein Genie. Und dass Genies nun mal übersensibel sind, dürfte hinlänglich bekannt sein. Und dann erzählt mir so ein dahergelaufener Alter Ego, dass ich an Launenbedingter Selektiver Pseudo-Misophonie leide! Pah!

Alter Ego räusperte sich leicht. „Ähem, ich glaube, ich muss diese Diagnose vielleicht doch korrigieren.“

Wusste ich’s doch! Ich triumphierte innerlich. „Also?“ fragte ich gespannt.

„Ich denke … also ich bin sicher, du leidest an Megalomania.“

 

Und sonst so? Ich habe festgestellt, dass ich auch pseudo-misopho-dingsda auf Mein Alter Ego reagiere. Es kann mir nur leider nicht (mehr) mitteilen, an was ich in so einem Fall leide.